Zukunft des gemeinsamen Unterrichts hängt am seidenen Faden

Vor einem Jahr – im Mai 2011 – forderte die Fraktion DIE LINKE dieLandesregierung auf, ein Konzept vorzulegen, wie die Zukunft des Gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne besondere Bedürfnisse – im verwaltungsdeutsch: sonderpädagogischer Förderbedarf - erfolgreich gestaltet werden kann. Seit dem ist nicht viel mehr passiert, als dass sich eine Arbeitsgruppe regelmäßig getroffen und Vorschläge diskutiert hat. Im geschlossenen Raum. Bisher ist nichts operationalisiert, nichts ist entschieden worden. Das Thema ist vertagt aufdas übernächste Schuljahr.

Die GEW hat eine „Gelbe-Karte-Aktion“ gestartet. Der Allgemeine Behindertenverband ist aus Unzufriedenheit mit dem Fortgang der Dinge aus der gemeinsamen Arbeitsgruppe ausgestiegen.

In allen Schulen gibt es kaum ein anderes Gesprächsthema. Die Wogen schlagen hoch, es wird kontrovers gestritten. Viel Resignation und Hilflosigkeit scheint unterwegs zu sein. Die Zukunft des Gemeinsamen Unterrichts hängt am seidenen Faden. Vor diesem Hintergrund legt die Fraktion DIE LINKE nunmehr eigene Vorschläge vor – wohl wissend, dass nichts dabei konflikt- und widerspruchsfrei ist.

Der Weg zum Gemeinsamen Unterricht ist und bleibt ein steiniger. Aber er ist gestaltbar – mit etwas Mut und Entschlossenheit. Wir sind gern bereit, uns der Debatte zu stellen, gegebenenfalls andere Vorschläge zu überdenken.

Welches sind nun die Vorschläge der Fraktion DIE LINKE?

Die Gelingensbedingungen für die Zukunft des gemeinsamen Unterrichts sind nicht wirklich rosig. Kernpunkte des Problems sind zum einen das fehlende Personal. Die Landesregierung hat zwar im vergangenen Doppelhaushalt den Einstellungskorridor erhöht – aber lediglich als Tropfen auf einen heißen Stein. Bei weitem nicht ausreichend. Das andere Problem ist die Struktur: Wir haben zwei Systeme: Das Angebot der Förderschule und das Angebot des Gemeinsamen Unterrichts. Die Schwierigkeit ist, dass wir mittlerweile an einem neuralgischen Punkt angekommen sind. Die weiter zunehmende Zahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Gemeinsamen Unterricht macht die Klassen an den Förderschulen zwar hier und da kleiner, aber setzt nicht wirklich ausreichend sonderpädagogisches Personal für die Regelschule frei. Auch kleinere Klassen benötigen eine Lehrkraft. Es muss eine Entscheidung getroffen werden, wohin die Reise gehen soll, welches der Systeme die Zukunft gehört.

1. Die Fraktion DIE LINKE spricht sich vor dem Hintergrund des nach wie vor fehlenden Personals für eine vorsichtige Konzentration der SchülerInnen und damit auch des sonderpädagogischen Personals aus. Im Bereich der frühkindlichen Bildung wäre ein solcher Weg vergleichbar mit dem der so genannten integrativen Kindertagesstätten. Erprobt wurde dieses Prinzip aber auch schon in Schulen: mit 22 Modellschulen – den Grundschulen mit Integrationsklassen. Auf diese Weise würden uneffektive Maßnahmen von „Einzelintegrationen“ – verbunden mit lediglich 2 Lehrerwochenstunden, meist zur gleichen Zeit am gleichen Ort – verhindert werden. Sonderpädagogen wären für die Schulen jeweils feste und stetig anwesende AnsprechpartnerInnen. Das ermöglichte Kompetenztransfer, Erfahrungsaustausch und Unterstützung – nicht nur für 2 Stunden wöchentlich.

2. Die präventive Grundversorgung muss neu gestaltet werden. Bisher orientierte sie sich an den SchülerInnen der flexiblen Schuleingangsphase. Das ist zum einen zu wenig. Zum anderen scheint es nötig, mehr personelle Ressourcen nach Bedarf zuzuweisen. Die Schulen brauchen eine bedarfsabhängige präventive Grundversorgung. Woher soll nun dieses Personal kommen? Hier wird es keine andere Möglichkeit geben, als den Lehrkräften an den Förderschulen für Lernbehinderte und an den Förderschulen für Sprachentwicklung schrittweise eine Perspektive an den Regelschulen zu geben. Dort werden sie zunehmend und dringend gebraucht. Dafür müssen diese Förderschulen jahrgangsweise, von unten aufwachsend, geschlossen werden. Es kann dann keine Überweisungen an diese Förderschulen mehr geben. Die Lehrkräfte könnten dann überführt werden in die Regelschule und könnten dort den Gemeinsamen Unterricht effektiv unterstützen und begleiten. Zusätzlich bedarf es der Kooperationsklassen an den Regelschulen – quasi kleine Förderschulen unter dem Dach der Regelschulen. Das wäre die Möglichkeit für ein Rückfallnetz für Kinder mit ganz besonders schwierigen Problemlagen. Es verbliebe damit zunächst ein „kleiner Schonraum“. Während dieser Zeit muss den verbleibenden Förderschulen in diesem Bereich ein Bestandsschutz gewährt werden. Es macht keinen Sinn, Lehrkräfte und SchülerInnen zwei Mal einen Schulwechsel bzw. eine Schulfusion zuzumuten. Viele sind bereits jetzt in ihrem Bestand nicht mehr stabil und gesichert. Darüber hinaus könnten die verschiedenen Förderschwerpunkte in einer Förderschule gebündelt werden. Die Förderschulen für Geistigbehinderte, für Körperbehinderte, Sinnesbehinderte und die Förderschulen für Ausgleichsklassen gäbe es zunächst weiter.

3. Wir schlagen vor, die Förderzentren umzuwandeln in Kompetenzzentren für unterstützende Pädagogik. Von dort könnte der Gemeinsame Unterricht an den beteiligten Regelschulen kompetent koordiniert und personalgestützt begleitet werden – und zwar vor Ort.

4. Auch die Personalentwicklung und die Ausbildung von Lehrkräften muss überdacht und neu gestaltet werden. An den so genannten Integrationsschulen braucht es verschiedene pädagogische Fachkräfte. Neben den Lehrkräften braucht es pädagogische MitarbeiterInnen, SchulsozialarbeiterInnen und Integrationshelfer. Sie werden von verschiedenen Ministerien und damit aus verschiedenen Kassen bezahlt. Wichtig ist, dass unbürokratisch und schnell - beispielsweise Anträge für Integrationshelfer - bearbeitet und realisiert werden. Das Personalentwicklungskonzept muss so oder so überarbeitet werden. Der Einstellungkorridor für Lehrkräfte muss erhöht werden – ein Ruf der das Parlament bisher nahezu in jeder Landtagssitzung ereilte, bisher allerdings erfolglos. Pädagogische MitarbeiterInnen dürfen kein Auslaufmodell werden – wie im Personalentwicklungskonzept der Landesregierung bisher vorgesehen. Auch für sie muss es einen Einstellungskorridor geben. Die Ausbildung von Lehrkräften aller Schulformen muss mehr Module der Integrationspädagogik erhalten. Kinder mit Behinderungen oder Lernproblemen – Kinder also mit besonderen Bedürfnissen - werden künftig an allen Schulformen lernen. Darauf müssen Lehrkräfte mit pädagogischer, didaktischer und psychologischer Ausbildung vorbereitet werden. Der Gemeinsame Unterricht hängt derzeit am seidenen Faden. Von nicht wenigen Lehrkräften und PolitikerInnen wird er bereits als solches in Frage gestellt. Bleiben die Entscheidungen und Unterstützungskonzepte aus, ist eine solche Allianz zwischen denen, die nicht wollen und denen, die sich weigern, die nötigen Entscheidungen zu treffen, geeignet, die Idee von Inklusion – speziell die des Gemeinsamen Unterrichts – zu ruinieren. Es gibt viel zu verlieren, aber einiges zu gewinnen!