23. September 2015

Eine Stunde Sozialkunde

Ein etwas ungewöhnlicher Arbeitsauftrag erwartete mich heute früh: Ich durfte unterrichten. Und zwar eine Sozialkundestunde in einer 8. und 9. Klasse. Die Einladung erfolgte von der Freien Sekundarschule Güsten im Rahmen des 1. Überregionalen Tages der freien Schulen. Zu Beginn sprach ich über meine Arbeit im Landtag, im Wahlkreis und als Landesvorsitzende. Danach drehte sich die Diskussion vorwiegend um die Fragen „Wie viel Multikulti verträgt Deutschland?" und „Soll Cannabis legalisiert werden?" Hier waren dann auch die Schülerinnen und Schüler gefragt. Den Standpunkt Cannabiskonsum aus der Kriminalität herauszuholen und lieber gesellschaftlich Regeln für den Umgang mit der Droge festzulegen, konnten erwartungsgemäß nicht alle teilen. „Ich finde Drogen doof und wer weiß, was passiert, wenn Besoffene auch noch kiffen.“, so ein Schüler in der Diskussion. Auch wenn Cannabiskonsum keine tödlichen Folgen hat (im Gegensatz zu Nikotin- und Alkohol) plädierte ich für klare Regeln, wie es sie ja auch für den Alkoholkonsum gibt (Altersschranken, Promillebegrenzungen im Straßenverkehr usw.). Eine drogenfreie Gesellschaft gibt es nicht, deshalb müssen wir lernen, mit den Drogen zu leben. Neben den Regeln müssen Angebote der Prävention und Beratung bereitgestellt werden.

In der Flüchtlingsdebatte standen zunächst die Herausforderungen, denen das Land gegenüber steht im Vordergrund: eine menschenwürdige Unterbringung und Verpflegung einer viel größeren Zahl an Flüchtlingen als erwartet. In Gesprächen treffe ich auf eine ungeheure Welle der Hilfsbereitschaft, auf Skepsis und auf Hass. Die Aufgabe der Politik ist es, Transparenz herzustellen, mit allen Beteiligten ins Gespräch zu kommen, so dass z.B. Missverständnisse wie „Das Maritim in Halle muss wegen der Flüchtlinge geschlossen werden“ gar nicht erst aufkommen. (Das Hotel wäre sowieso geschlossen worden und wird durch die Flüchtlinge weiter genutzt – nicht als Hotel, schon gar nicht zu Hotelkonditionen, sondern als Flüchtlingsunterkunft). Ich versuchte bewusst zu machen, was Krieg und Flucht gerade für Kinder bedeutet. Wichtig ist es, Ängste ernst zu nehmen. Ängste – nicht Hass. Leicht wird es nicht, aber die Menschen, die zu uns kommen sind auch eine Chance: nämlich die, dass sich die Ankommenden in unsere Gesellschaft einbringen, dass sie hier eine Ausbildung machen, oder ihren Berufen nachgehen können. Das hilft nicht nur ihnen, sondern uns allen. Kontraproduktiv ist in dieser Hinsicht die heutige Forderung des Ministerpräsidenten nach der Aussetzung des Mindestlohnes für Flüchtlinge. Diese Forderung spielt Menschen gegeneinander aus und schürt Ängste vor Billiglohnkonkurrenz, Arbeitsplatzverlusten, oder vor der Aufweichung von hart erkämpften Errungenschaften. Das schürt Fremdenfeindlichkeit.