"Schtopp!" - Brauchen wir eine Kampagne zur Alphabetisierung in Deutschland?

Mancher und manche halten es kaum für möglich: Es gibt auch in Deutschland – mitten unter uns – Menschen, die man gemeinhin zu den Analphabeten zählt. Und vergleichsweise nicht wenig. Mehr als 14% der Menschen im erwerbsfähigen Alter gelten hierzulande als funktionale Analphabeten. Das sind ca. 7,5 Millionen Menschen. Sie können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, jedoch nicht zusammenhängende – auch kürzere – Texte. So sind sie nur sehr eingeschränkt in der Lage, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, sich an demokratischen Prozessen zu beteiligen. Es fehlt an Lebensqualität.  Mit diesem Thema beschäftigte sich der „Level One Survey“ unter Federführung von ErziehungswissenschaftlerInnen der Universität Hamburg.

So manche Vorurteile werden bestätigt, andere wiederum nicht. 57% der Betroffenen sind erwerbstätig, 17% sind arbeitslos. Erwerbstätig sind sie vor allem als Bauhilfsarbeiter (zu 56%) und als Reinigungskräfte (zu 40%). Sie arbeiten als Transportarbeiter, Köche, Maler, Tapezierer, LKW-Fahrer – alles in allem in der Regel prekäre Beschäftigungsfelder: wenig Einkommen und schlechte Arbeitsbedingungen. Es sind Branchen, in denen Arbeitgeber sehr wenig in die Bildung ihrer Beschäftigten investieren. 48% der Betroffenen verfügen über einen Hauptschulabschluss, 19% haben die mittlere Reife. Alles das deutet darauf hin, dass es einer Reihe von Überlebensstrategien bedarf, um das Problem der mangelnden Sprachkompetenz (Literalität) nicht offenbaren zu müssen.

Damit zeigt sich eines der Kernprobleme: Scham und mangelndes Selbstwertgefühl machen es den Betroffenen nahezu unmöglich, sich auf die Suche nach Hilfe zu begeben, vorhandene Angebote anzunehmen. Die Nachfrage lässt sich nur verbessern, in dem das Problem enttabuisiert wird. MitwisserInnen müssen ermutigt werden, das Problem ihrer Mitmenschen anzusprechen. Niedrigschwellige Angebote sind ein ganz wichtiges Thema. Einrichtungen der Erwachsenenbildung müssen sich immer wieder selbst befragen, ob sie den richtigen Zugang zu diesen Menschen finden. Dazu ist Milieukenntnis erforderlich: man muss wissen, wie dort gedacht wird, was dort von Interesse ist, wie man dort spricht, wie man dort lebt. Mit anderen Worten: Menschen müssen immer dort abgeholt werden, wo sie sind. Aufsuchende Bildungsarbeit ist angesagt. Auch die herkömmlichen Methoden der Vermittlung von Sprachkompetenz gehören auf den Prüfstand. Sind es immer die Themen der Betroffenen, mit denen Interesse geweckt werden soll. Sind es die Institutionen Schule oder Volkshochschule, die denjenigen, deren Leben geprägt ist von vielfältigen negativen Bildungserfahrungen, in ihren Angeboten gerecht werden? Alles das sind Fragen, die in die öffentliche Debatte gehören.

Das Land fördert seit vielen Jahren die Erwachsenenbildung. Die Mittel werden von Jahr zu Jahr immer weniger. Auch der vorliegende Doppelhaushalt der Landesregierung kürzt die Mittel für diese Einrichtungen und Vorhaben von 3.6 Mio.€ um 600.000 €. Kein einmaliger Vorgang. Die Fraktion DIE LINKE hat während der Haushaltsberatungen den Versuch unternommen, mittels Kürzung an anderer Stelle, diese 600.000 € wieder in den Haushalt einzustellen. Vergeblich. Das Kultusministerium plant, Mittel aus dem Europäischen Sozialfond für ein Alphabetisierungsprogramm zur Verfügung zu stellen. Die Mittel der EU werden aber in den nächsten Jahren weniger werden. Gefährdet ist mittlerweile die Infrastruktur derer, die solche Maßnahmen anbieten können: die kommunalen und die freien Träger der Erwachsenenbildung.

Am 9.Dezember wird sich der Landesausschuss für Erwachsenenbildung zu einer Sondersitzung zusammen finden, um zu beraten, wie dieser Entwicklung in letzter Minute noch Abhilfe geschaffen werden kann. Die Fraktion DIE LINKE wird ihren Antrag noch einmal in der abschließenden Beratung des Finanzausschusses stellen. Nun sind die Koalitionsfraktionen gefragt.