19. Mai 2014

Inklusion in der Bildung - Bernburger Montagsforum

Am 19. Mai war ich Referentin des Bernburger Montagsforums zum Thema Inklusion in der Bildung. Es war eine spannende Diskussion, die erneut zeigte, mit welchen Vorbehalten diese notwendige Debatte belastet ist. Die Praxis ruiniert uns die Begriffe. Inklusion ist nicht nur die Zuführung von Kindern mit Behinderung in die Regelbildungseinrichtungen, sondern es geht um die Akzeptanz der Vielfalt des Lebens. Jedes Kind mit seinen Besonderheiten wahrzunehmen ist Inklusion. Jede Vielfalt verdient Wertschätzung. Die Aufgabe von Pädagoginnen und Pädagogen ist es, aus dieser Vielfalt Lernsituationen zu schaffen.

Um die von der UN-Behindertenrechtskonvention geforderte Inklusion durchzusetzen, müssen noch viele Steine aus dem Weg geräumt werden. Zum einen haben wir es mit einem Pädagogikverständnis zu tun, das auf Frontalunterricht  ausgerichtet ist. Hier muss Aus- und Fortbildung ansetzen, um Pädagoginnen und Pädagogen zu befähigen, den Unterricht aufzubrechen. Denn das Prinzip „Jede/r lernt zur selben Zeit am selben Ort  das Gleiche“ kommt schon in jeder Regelschule an seine Grenzen.  Unterschiede in der Leistungsfähigkeit, besondere Begabungen, Fähigkeiten oder Defizite  finden keine  Beachtung. Wenn Pädagoginnen und Pädagogen das Handwerkszeug lernen, in offenen Unterrichtsformen mit Heterogenität umzugehen und sie nutzbar zu machen, kommt das also allen Kindern zu Gute, ob sie nun von Behinderung betroffen oder besonders leistungsstark sind, spielt dann keine Rolle mehr. Die Philosophie zu sortieren ist tief verwurzelt. Aber Homogenität in größeren Gruppen ist eine Illusion. Jede anfangs in bestimmten Merkmalen relativ homogene Gruppe differenziert sich nach kurzer Zeit wieder aus, weil Menschen eben neben diesem kategorisierenden Merkmal (im gegliederten Schulsystem ist das vorwiegend die Leistungsfähigkeit) unterschiedlich sind und sich zudem auch noch unterschiedlich entwickeln.

In Sachsen-Anhalt gibt es den Handlungsdruck noch von einer anderen Seite, nämlich durch das Personal. Wir haben nicht genügend Lehrerinnen und Lehrer, um zweieinhalb Systeme – das System der Regelschulen, der Förderschulen und der Übergangssysteme aufrecht zu erhalten. Bleibt das Förderschulsystem erhalten, muss es mit Lehrerinnen und Lehrern ausgestattet werden, die dann an den anderen Schulen fehlen.

Viele erfolgreiche Beispiele zeigen: Inklusion fängt im Kopf an. Die Haltung von Pädagoginnen und Pädagogen ist die wichtigste Rahmenbedingung, um das Projekt gelingen zu lassen. Es gibt Schulen, die den Weg schon sehr erfolgreich gegangen sind und andere, wo man sehr zurückhaltend ist. Da wir aber nicht auf eine neue Lehrergeneration warten können, ist neben Überzeugungsarbeit Weiterbildung gefragt. Auch der Erfahrungsaustausch mit guten Schulen kann da sehr hilfreich sein.

In der Diskussion kamen altbekannte Ressentiments zum Vorschein (das Niveau des Unterrichts sinkt, Menschen mit Handicap brauchen einen besonderen Schutzraum,  Leistungsgesellschaft braucht darauf getrimmte Menschen  usw.), aber auch glühende Verfechter für die Inklusion outeten sich. So wandte sich eine Rednerin konsequent gegen das Herumreiten auf der Kategorie Ziel (im Sinne von Schulabschluss). Die Richtung müsse stimmen. Der Mensch muss sich weiterentwickeln. Wer aber mit wie großen Schritten wie nah ans Ziel oder darüber hinauskommt, wird immer unterschiedlich sein.

Das Ergebnis des Abends war neben einer spannenden Diskussion die Anregung, in Bernburg ein „Netzwerk für Inklusion“ ins Leben zu rufen. Ich bin dabei.